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Case Studies (2)


Bereits einmal, in der Ausgabe 3.2006 des Bogensport Journals, habe ich auf den FITA Judges Newsletter hingewiesen. Diesen Newsletter veröffentlich die FITA auf ihrer Homepage für ihre Schiedsrichter. Aber nicht nur für Schiedsrichter sondern gleichermaßen für Schützen interessant sind die Fallstudien, die dort regelmäßig veröffentlicht werden. Diskussion und Lösung werden in der darauf folgenden Ausgabe publiziert.

Diese Fallstudien stelle ich regelmäßig ins Deutsche übersetzt in meinem Forum zur Diskussion. Zum Gusto holen sei nachfolgend eine Fallstudien aus dem FITA Judges Newsletter vom September 2007 wiedergegeben (hier etwas freier übersetzt):

Fallstudie 67.1 - Problemstellung

"Bei einer kürzlich durchgeführten Indoor Meisterschaft hat eine Schützin einen Abpraller. Durch den Zwischenfall verwirrt unterbricht sie das Schießen und wendet sich an einen Schiedsrichter, indem sie ihn über den Vorfall unterrichtet. Der Schiedsrichter erkundigt sich, wie viele Pfeile sie noch zu schießen hat. Die Schützin aber versteht die Frage falsch und hebt zur Antwort zwei Finger (was bedeuten sollte, dass sie zwei Pfeile geschossen hat bzw. dass dies ihr zweiter Pfeil war). Der Schiedsrichter fordert sie dann auf, das Schießen mit zwei weiteren Pfeilen fortzusetzen, was die Schützin dann auch innerhalb der erlaubten Zeit tut. Beim Scoren hat die Schützin nun folgende Situation auf der Scheibe:

Keiner der Schützen auf der Scheibe hat die Einschusslöcher markiert und es gibt mehrere unmarkierte Einschusslöcher in den verschiedenen Scheibenbildern. Das niedrigste unmarkierte Loch im oberen Scheibenbild ist eine 7, im mittleren eine 8 und im unteren Scheibenbild eine weitere 7. Darüber hinaus gab es auch noch ein unmarkiertes Einschussloch in der Auflage außerhalb der Scheibenbilder, und zwar nahe am unteren Scheibenbild in der Ecke der Auflage.

Als Schiedsrichter wirst du zu dieser Scheibe gerufen. Wie würdest du den Pfeil scoren?"


Und hier nun die Auflösung aus der darauf folgenden Ausgabe vom März 2008

Fallstudie 67.1 - Antwort

"Bei diesem Fall sind verschiedene Aspekte zu diskutieren. Der erste betrifft den Umstand, dass als Folge eines Missverständnisses zwischen der Schützin und dem Schiedsrichter 4 Pfeile geschossen wurden. Die meisten Schiedsrichter kamen zu dem Schluss, dass die Schützin die Verantwortung zu tragen hat, zu viele Pfeile geschossen zu haben - und das ist korrekt. Auch wenn der Schiedsrichter einen Fehler gemacht hat (das Missverständnis verursacht hat), ändert ein solches Missverständnis nichts an den Regeln. Die Schützin sollte auch in einer derart angespannten Situation wissen, dass sie nur 3 Pfeile schießen darf.

Eine Reihe von Schiedsrichtern erinnerten daran, dass dies ein klassisches Beispiel dafür sei, warum ein Schiedsrichter niemals direkt mit einem Schützen sondern zu seinem oder ihrem Coach sprechen sollte - und das ist ein durchaus guter Ansatz. Wie auch immer, manchmal ist einfach kein Coach da bzw. verfügbar.

Ein Schütze sollte ebenfalls wissen, dass er in einem Hallenbewerb im Falle eines Abprallers seine Passe beendet, bevor diese Angelegenheit behandelt wird. Dies gilt auch dann, wenn mehrere Schützen auf denselben Dämpfer schießen - siehe Artikel 8.6.2.7.1. Beim Schießen auf Scheibe im Freien hingegen stellen alle Schützen auf der Scheibe das Schießen ein - siehe Artikel 7.6.2.6.1. Kanntest du den Unterschied?

In diesem Fall hätte also die Schützin den Schiedsrichter gar nicht erst zu konsultieren brauchen - hätte sie die Regeln gekannt. Andererseits sollte dies keinen Einfluss darauf haben, wie du mit diesem Fall umgehst.

Nun aber zum Problem mit den 4 Pfeilen. Zunächst ist es von Bedeutung, dass das Schießen auf eine Dreifachauflage erfolgte, da gemäß den Regeln mehr als ein Pfeil pro Scheibenbild als Fehlschuss zu werten ist (nur der niedrigste Pfeil im Scheibenbild wird als Treffer gewertet). Einige wenige Schiedsrichter zogen dies nicht in ihre Überlegungen mit ein und werteten die niedrigsten 4 Treffer - und gaben 9-8-7. Dies aber ist ein Fehler, denn entsprechend dieser speziellen Regel könnte sich aus dem Umstand 4 anstelle der 3 Pfeile zu schießen ein Vorteil ergeben.

Einige wenige Schiedsrichter stellten die Regel in Frage, den niedersten nicht abgestrichenen Treffer auf der Scheibe für den Abpraller zu werten, da es in diesem Fall eine schlechte Lösung sei (der Einschuss ist ja nicht eindeutig identifizierbar), die zu einem Miss führt. Tatsächlich ist dies ein guter Gedanke, da die Regel, den niedersten nicht abgestrichenen Einschuss zu werten, eigentlich auf den Vorteil des Schützen abzielt und nicht darauf, ihn zu bestrafen. Früher (das ist nun schon viele Jahre her) erhielt der Schütze im Falle eines Abprallers keine Ringe, wenn die Einschusslöcher nicht entsprechend abgezeichnet waren. Indessen ergab sich während der Diskussion im Rahmen der letzten Schiedsrichterkonferenz in Rom der Schluss, am Standardvorgehen streng festzuhalten, um Verwirrungen gegenüber Schützen und den Coaches zu vermeiden.

Basierend auf diesem "Standardvorgehen" identifizieren wir den niedersten nicht abgestrichenen Treffer auf der Auflage - das ist eine 7. Das nächste Problem war dann, dass eine 7 in zwei verschiedenen Scheibenbildern vorhanden war, was zu einem Unterschied in Bezug auf den Score führte, da ja der Wert des Pfeils, der als Miss gewertet wird, zwischen den Scheibenbildern differierte. Entweder würde dies zu 9-7-M (16) oder zu 8-7-M (15) führen. Dies sind unbestreitbare Tatsachen und da wir alle gelernt haben, dass im Zweifelsfall zu Gunsten des Schützen zu entscheiden ist, wirst du mit 9-7-M werten.

Einige Schiedsrichter, die den niedereren Wert gegeben hätten, wiesen darauf hin, dass der Schütze die Einschusslöcher nicht gemäß den Regeln abgestrichen hat. Das aber bedeutet, zwei unterschiedliche Regeln zu vermischen. Ein Einschussloch nicht abzustreichen führt nicht zum Abzug von Ringen. Die Philosophie der Schiedsrichter: Versuche zu schützen und nicht zu bestrafen."

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